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Hare Krishna - Göttliches Vrindavan

Auch nach langer Überlegung bleibe ich dabei, es ist der ominöseste Ort den ich jemals besucht habe. Ich hoffe es gelingt mir einigermaßen zu beschreiben, was dort vor sich geht. Als ich von einem indischen Bekannten eingeladen wurde, übers Wochenende an einem Familienausflug teilzunehmen, habe ich mir nichts weiter dabei gedacht. Natürlich stimmte ich zu und es war im Nachhinein eine goldrichtige Entscheidung. Das wurde mir allerdings erst nach unserer Rückkehr klar. Den Ausflug selber empfand ich schon als besonderes Erlebnis, aber zeitweise auch als eine Art von Qual. Ein Abenteuer ist oft nicht angenehm wenn man es erlebt, häufig erkennt man erst hinterher, welche großartige Erfahrung es doch gewesen ist. Ein angemietetes Auto mit Fahrer stand bereit. Der Wagen hatte sieben Sitze. Jedoch standen neun Familienmitglieder daneben, dazu der Fahrer und ich. Entgegen meiner etwas naiven Erwartung, kam kein zweites Auto mehr um die Ecke gebogen. Zu elft pressten wir uns also in den Van und ab ging die vierstündige Fahrt nach - Vrindavan.



Ausgestiegen, in der ehrwürdigen Stadt, stehe ich bereits in einem Kuhfladen. :-( Kühe sind bekanntlich in ganz Indien heilig, allerdings genießen die Vierbeiner hier die absolute Narrenfreiheit...:-)



Angekommen in unserer, nennen wir es trotz allem Unterkunft, wurden wir auf zwei Zimmer verteilt. Neun Familienmitglieder ins erste Zimmer und eine weitere Stube war nur für mich reserviert Die Übernachtung kostete pro Zimmer, inklusive Frühstück, exakt 90 Rupien. Dies entspricht etwa 1,50 Euro. Bis heute lobe ich mich selbst einen Schlafsack mitgebracht zu haben...:-)



Um 4:30 Uhr wurde ich aus dem Schlaf gerissen. Die komplette Familie war angetreten und bereit für den ersten Tempelbesuch. Das Frühstück des Hotels ist gleichzeitig die Essensausgabe an die Ärmsten der Armen. Für sie ist die breiartige Mahlzeit unentgeltlich.



Krishna ist der Lieblingsgott vieler Hindus. Angeblich ist die Gottheit in der Nähe geboren und hat seine Jugend in Vrindavan verbracht. Alles in der Stadt steht im Zeichen von Krishna.



Dadurch zieht Vrindavan jedes Jahr hunderttausende indische Pilger an. Lediglich 65.000 Menschen leben permanent in der Stadt. Tatsächlich befinden sich täglich um ein vielfaches mehr Gläubige dort. Viele von ihnen verbringen Wochen oder gar Monate in der Pilgerstadt, um sich selbst zu finden. Während Krishna für die Hindus zwar ein beliebter, gleichwohl aber nur ein Gott von vielen ist, unterscheiden sich die Beweggründe für zahlreiche Krishna-Anhänger aus dem Westen doch geringfügig. Diese Jünger kommen, da die Hare Krishna Sekte oder genauer gesagt die International Society for Krishna Consciousness (ISKCON), hier einen ihrer größten Tempel weltweit unterhält.



John Lennon und George Harrison verehrten Krishna bis zu ihrem Tod. Auch der berühmte Steve Jobs, verbrachte in jungen Jahren eine längere Zeit in Vrindavan. Jeder kann sich zu Sekten beziehungsweise den Brauchtümern in Indien seine eigene Meinung bilden, mich hat es tief beeindruckt mit welcher ausgelassenen Freude die Gläubigen den Zeremonien folgen. Sie singen und feiern zusammen. Überall ist man von wundersamen Klängen umgeben.



Man spürt tatsächlich auch als unbedarfter Gast, die immense Kraft des Glaubens, in allen Teilen der Stadt. Erst durch die Erkenntnisse in Indien habe ich richtig verstanden, welche Macht eine Religion über Menschen haben kann.



Jeder ist willkommen und herzlich eingeladen mitzufeiern, egal wo er herkommt oder woran er tatsächlich glaubt. Niemand fordert einen auf irgendwas zu kaufen oder zu spenden.



Insgesamt besuchte ich drei der vielen großen Tempel. Hier im Hintergrund zu sehen, ein Regal zum Aufbewahren der Schuhe. Es grenzt an ein Wunder, dass jeder wieder sein eigenes Schuhwerk nach einem Tempelbesuch erhält. :-)



Inder sind überzeugt, dass Witwen Unglück bringen. Viele dieser Frauen wurden von ihren Familien verstoßen und enden in Vrindavan, wo sie Krishna preisen und Erlösung suchen. Für sie sind Tempeleingänge willkommene Plätze, um ein paar Almosen zu erhaschen. Der Lebensstandard in Vrindavan ist nahezu durchweg bettelarm.



An Marktständen bekommt man alles, was Krishna geopfert werden kann. Blumen, Kleider, Devotionalien und Süßigkeiten. Letzteres habe ich zwar gekauft, aber nicht geopfert. :-))) Überbringung der Opfergaben an Krishna…



Irgendwie erscheint es unsereins völlig absurd, was sich in Vrindavan an einem ganz normalen Tag abspielt. Selbst sehr erfahrene Reisende, trauen beim Betrachten des Treibens ihren Augen kaum. Durch die Marktgassen drängen sich Pilger, Straßenhändler, sonderbare Gestalten in farbigen Gewändern, überall ertönt Musik und eine Blaskapelle marschiert durch die Gassen...



...dazu Unmengen an Kühe, Affen und weiteren Tierarten.



Das Leben hier kann man selbst wenn man es mit eigenen Augen sieht nicht wirklich begreifen. Zusammengefasst kann ich sagen, mein erster Trip in 2011 hat mich etwas überfordert, ich würde es aber gerne nochmals versuchen. :-)



Vrindavan liegt im Bundesstaat Uttar Pradesh zwischen Delhi und Agra. Allerdings etwas abseits, der von mir kürzlich im Eintrag „Das Goldene Dreieck" beschriebenen Hauptroute. Wer zwei Tage mehr zur Verfügung hat, sollte diesen hochinteressanten Abstecher unbedingt machen. :-)))

8.3.17 04:05
 


bisher 3 Kommentar(e)     TrackBack-URL


padernosder (8.3.17 09:53)
Hallo Mirco,

ein wenig erleichtert bin ich schon, daß es Dir auch einmal "zuviel" wurde. ;-)

Dieses Phänomen - in unseren Augen - bettelarm zu sein und dennoch vor Freude zu tanzen, begeistert mich immer wieder. Es ist "unsere" Mentalität, mit der etwas nicht stimmt.

Aber es ist natürlich auch "gefährlich", wenn die Religion zum "Opium für das Volk" wird. Wo hört die Lebensfreude auf, wo fängt der Fanatismus an? Ich kann es gut nachvollziehen, daß Du im Nachhinein einen ganz anderen Eindruck hattest, als direkt vor Ort.

Zufällig sah ich vor Kurzem einen Bericht über das Schicksal solcher "Witwen" und ich weiß auch, daß in Indien öffentliche Vergewaltigungen an der Tagesordnung sind. Auch wieder so ein Widerspruch. Einerseits die Lebensfreude, andererseits die Respektlosigkeit vor dem Leben anderer.

Um das alles halbwegs zu verstehen, muß man es mit eigenen Augen sehen. Doch im Gegensatz zu Dir habe ich dazu keine große Lust. Du schreibst an anderer Stelle, Indien muß ein jeder gesehen haben. Ich verstehe es, ich weiß, was Du meinst, aber ich will es nicht.

Jedenfalls hast Du wieder einen tollen Reisebericht geschrieben! Schöne Grüße!


Marie / Website (8.3.17 13:31)
Hare Krishna ist mir bekannt. Eben als eine Glaubenssekte, Anhänger davon leben auch hier bei uns in der Region. Das der Wallfahrtsort dieser Glaubensvereinigung in Indien liegt, wusste ich bis eben gerade nicht. Das liest sich wirklich sehr interessant und ich glaube Dir absolut, dass man viele Eindrücke und Emotionen erst eine Weile nach dem eigentlichen Besuch entwickelt. Wenn man nochmals alles reflektiert, wird einem erst das ganze Ausmaß des Erlebten bewusst. Geht mir auch in vielen Situationen so, selbst in alltäglichen Dingen. Wie schon mehrfach erwähnt, finde ich Indien sehr beeindruckend. Die Armut ist natürlich sehr bedrückend, und wenn man überlegt, wie wenig für uns 1,50 Euro sind…bekomme ich gerade beim nachdenken schon Gänsehaut. Da ist man doch eigentlich in der Versuchung, einiges mehr zu geben.

Dann sei mal froh, dass Du Deinen Schlafsack dabei hattest. Sehr stabil sieht das Bett nicht aus ;-), aber hast ja alles überstanden. Ich reise immer mit zwei Kissen, da ich fremde Kissen irgendwie nicht mag und dann nicht schlafen kann. Aber so ein Schlafsack wäre da vielleicht doch etwas hilfreicher.

Die Tempel würde ich auch sehr gerne mal besuchen und das ganze auf mich wirken lassen. Ich denke mal, dass man sicher sehr beeindruckt ist, aber auch gleichzeitig sehr berührt. Was geschieht eigentlich mit den ganzen Devotionalien? Werden die dann an die Armen ausgegeben? Jedenfalls das was verwendbar ist?


Elisabeth / Website (8.3.17 22:35)
Hallo Mirco,
Danke für den schönen Bericht und die Fotos! Wie immer top!
Ich muss mich dem Kommentar von Padernosder anschließen: Einerseits find ich Indien sehr interessant und auch faszinierend, andererseits reizt es mich aber nicht, mal selbst dorthin zu fahren. Da les ich lieber deine Reiseberichte...sehr praktisch.
Bist übrigens sehr gut getroffen auf dem dritten Foto...und wer ist der Mann im blauen Sweat-shirt?? ;-)
liebe Grüße,
Elisabeth

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